»Uns erwartet eine weitere kalte Dusche«
Gauck ist für das Amt des Bundespräsidenten ungeeignet. Er war alles andere als ein »Bürgerrechtler« oder »Freiheitslehrer«. Ein Gespräch mit Peter-Michael Diestel
Der Rechtsanwalt Peter-Michael Diestel ist CDU-Mitglied. Er war der letzte Innenminister der DDR
Sie waren in der DDR aktiv als Bürgerrechtler, schließlich wurden sie ihr letzter Innenminister. Sie kennen auch den künftigen Bundespräsidenten Joachim Gauck persönlich – haben die Koalitionsparteien, SPD und Grüne mit seiner Nominierung eine richtige Entscheidung getroffen?
Ich glaube, daß uns nach dem Desaster mit Christian Wulff eine weitere kalte Dusche erwartet – in welchem Ausmaß, werden wir noch sehen. Sie haben mir die Ehre gegeben, mich als Bürgerrechtler anzusprechen: Das ist einer der vielen Punkte, die gegen Gauck sprechen – er ist nämlich nie Bürgerrechtler gewesen, obwohl er uns so verkauft wird.
Ich jedenfalls bin einer – wie 17 Millionen andere Ostdeutsche auch, die mit Zivilcourage gegen das kommunistische System aufgestanden sind. Lediglich in diesem Sinne könnte man Gauck Bürgerrechtler nennen.Haben Sie Verständnis für die Linkspartei, die es kategorisch ablehnt, für Gauck zu stimmen?
Ich habe für jeden Verständnis, der sich so oder so entscheidet, demzufolge auch für die Damen und Herren aus der Linkspartei. Vor allen Dingen habe ich aber Verständnis für diejenigen, die sich durch Partei- und Fraktionsdisziplin gezwungen sehen, für Gauck zu stimmen, obwohl sie die mit seiner Person verbundenen Besonderheiten kennen. Und wenn sie die nicht kennen, sollten sie sich schnell sachkundig machen.Gauck wird uns von den Medien zur Zeit als demokratische Lichtgestalt vorgeführt, ein Fernsehbeitrag über ihn trug sogar den Titel »Der Freiheitslehrer« …
Es ist eine Unart bestimmter Massenmedien zu meinen, sie könnten bestimmen, wer Bundespräsident wird. Hätte Gauck eine auch nur geringfügige Eignung für dieses Amt, hätte er eine solche Etikettierung abgelehnt. Daß er mit der Bürgerrechtsbewegung in der DDR nicht das geringste zu tun hat, weiß kaum jemand besser als ich.Es gibt einen weiteren Punkt, der Gauck gerne vorgehalten wird: Seine Distanz zum DDR-Ministerium für Staatssicherheit sei keineswegs so groß gewesen, wie er behauptet …
In der DDR konnte es kaum jemand vermeiden, in der einen oder anderen Weise mit der Staatssicherheit in Kontakt zu kommen. Gauck hat sich so verhalten, wie 17 Millionen Ostdeutsche auch: Er hat versucht, seinen Arsch an die Wand zu kriegen – genau wie ich. Nicht das macht ihn für das Präsidentenamt ungeeignet, sondern sein Verhalten nach 1990. Die von ihm gegründete und anfänglich nach ihm benannte »Gauck-Behörde« hat zahlreiche Leute verfolgt, die ähnliche Kontakte zur Staatssicherheit hatten wie Gauck selbst.
In diesem Sinne ist er kein Bürgerbewegter, schon gar nicht ein »Freiheitslehrer«. Menschen, die uns in Sachen Freiheit etwas zu sagen haben, tragen Namen wie Egon Bahr, Friedrich Schorlemmer, vielleicht auch Markus Meckeloder Steffen Reiche – die haben nämlich in einer schwierigen Zeit den Potentaten der DDR deutlich gemacht, was geht und was nicht geht. Gauck gehört definitiv nicht in diese Reihe.Die Halbwertzeit für Bundespräsidenten ist in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen – wie lange geben Sie Gauck?
Trotz aller Kritik wünsche ich ihm zunächst einmal Glück und Erfolg in dem Amt; mit seiner rednerischen Begabung wäre er durchaus in der Lage, die von mir erwarteten Reden zu halten.
Vielleicht klingt es jetzt sarkastisch: Ein Bundespräsident Gauck wäre auch ein Signal dafür, daß eine Klofrau, die mal Kontakt zur Staatssicherheit hatte, nicht mehr ausgegrenzt werden darf. Oder ein Verwaltungsrichter, der seine Wehrpflicht im Wachregiment »Feliks Dzierzinsky« verbracht hat. Man kann nicht die Klofrau verfolgen und jemanden mit einem vergleichbaren Lebenslauf Bundespräsident werden lassen – das geht in Deutschland nicht. Auch wenn es die Medien so wollen.Eine letzte Frage: Was halten Sie von der Idee der Linkspartei, eventuell Beate Klarsfeld als Kandidatin aufzustellen?
Ich bin kein Anhänger der Linkspartei, insofern interessieren mich deren interne Diskussionen nicht. Allerdings glaube ich nicht, daß der Umstand, daß sie mal einem bedeutenden Politiker eins in die Schnauze gehauen hat, als Qualifikation für das Präsidialamt ausreicht.





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